Arbeiten und Leben im ländlichen Raum

Gemeinsames Positionspapier der Kreishandwerkerschaften Waldeck-Frankenberg, Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder, Vogelsbergkreis, Kassel und Werra-Meißner-Kreis


Die Attraktivität des ländlichen Raums als Arbeits- und Lebensraum hängt entscheidend von möglichst wohnort- und betriebsnahen und qualitativ überzeugenden Bildungsangeboten ab. Zur Erfüllung dieses Anspruchs müssen Berufsschule und Unterricht sowie überbetriebliche Schulung organisatorisch und inhaltlich so gestaltet werden, dass Bildungsstandorte möglichst erhalten werden können. Darum muss die hessische Bildungspolitik auf eine möglichst breite Flächendeckung des differenzierten Bildungsangebots und die Sicherung der Bildungsinfrastruktur gerade auch im ländlichen Raum ausgerichtet sein.

Der demographische Wandel stellt die hessische Berufsschullandschaft sowie das Netz der handwerklichen überbetrieblichen Berufsbildungszentren vor große Herausforderungen. Viele - vor allem ländliche - Regionen in Hessen sehen sich einem stetigen Rückgang der Schülerzahlen gegenüber, sei es aufgrund der kommenden geburtenschwachen Jahrgänge, sei es aufgrund des Wegzugs von Familien in Richtung der großen Ballungszentren.

Trotz oder gerade wegen der demographischen Herausforderungen gilt es, nachhaltige und zukunftssichere Bildungsstrukturen zu schaffen. Denn unabhängig von geringeren Schüler- und Ausbildungszahlen muss Hessen auch weiterhin über ein differenziertes und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot verfügen. Im Spannungsfeld zwischen vertretbaren Schul- und Bildungszentrengrößen und Wohnort- bzw. Betriebsnähe gilt es, vor allem für den ländlichen Raum Lösungen zu finden, die den unterschiedlichen Begabungen und Neigungen der Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildenden gerecht werden. Dabei darf es nicht nur um die „reine Schulversorgung" und den dafür notwendigen Erhalt von Schul- und Bildungszentrumstandorten gehen. Vielmehr bilden Qualität, Begabungsgerechtigkeit und Standortsicherung gemeinsam die Voraussetzungen für eine adäquate Bildungsversorgung.

Nur wenn diese Prämissen erfüllt sind, wird es gelingen, die Bildungslandschaft im ländlichen Raum für junge Menschen weiter attraktiv zu gestalten und diese dort zu halten.

Von dem dargestellten Problem sind Landkreise ohne Oberzentrum besonders betroffen. Diese Flächenkreise weisen eine eher schwache Infrastruktur und in Folge dessen ein schwaches öffentliches Verkehrsnetz auf. Dem Bildungsangebot kommt daher in diesen Landkreisen eine besondere Aufgabe zu. Auszubildende und Schüler ohne Führerschein müssen schon heute teilweise erhebliche zeitliche Anstrengungen auf sich nehmen, um die Berufsschulen und Bildungszentren zu erreichen, da die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln in keinem Verhältnis zu den Ballungszentren steht. Anreisezeiten von einer Stunde und mehr sind keine Seltenheit.

Durch die bisherige Regelung, eine Lehrerstelle erst ab einer Klassengröße von 15 Auszubildenden, zu finanzieren, werden die Berufsschulstandorte im ländlichen Raum benachteiligt und bedroht. Die eingerichteten Fachklassen können nicht aufrecht erhalten werden. Eine weitere Zentralisierung von Bildungsleistungen ist bei dieser Entwicklung unweigerlich die Folge. Aus Sicht der Verfasser sollte der Wohnort von jungen Menschen nicht das Kriterium für die Bildungschancen in Hessen sein. Wir fordern daher eine Sonderregelung für Fachklassen in Landkreisen ohne Oberzentrum.

Die Träger der handwerklichen Bildungseinrichtungen sowie die Handwerksorganisationen im ländlichen Raum fordern die Hess. Landesregierung auf, in ihrer Förderpolitik die besonderen Bedingungen des ländlichen Raumes zu berücksichtigen und im Interesse von Auszubildenden und Betrieben die Grundversorgung an gewerblich-technischer Bildung sicher zu stellen. Dies bedeutet unter Umständen, zur Stärkung des ländlichen Raumes bewusst Abweichungen von bisherigen Vorgaben im Hinblick auf Klassenstärken zuzulassen und besondere Maßstäbe in Berufsschulen und überbetrieblichen Bildungsstätten anzulegen.

Juli 2018

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